Das Tessin

Auf diesem Bild sehen Sie den Wasserfall von Foroglio im Gegenlicht.

Umgeben von Italien und durch den Alpenhauptkamm geografisch von der Deutschschweiz getrennt, stellt das „warme Land im Süden“ kulturell und klimatisch eine Sonderstellung in der Schweiz dar. 83 Prozent der Einwohner sprechen italienisch als Muttersprache. Und die südländische Vegetation mag beim ersten Besuch für Verwirrung sorgen, denn immerhin liegt das Tessin in den Alpen. Fährt man von Norden kommend über die beachtlichen Gebirgspässe wie den St. Gotthard oder den San Bernardino gen Süden ins „Ticino“, wie die Einheimischen das Tessin nennen, trifft man sofort auf mediterranes Flair. Anstatt Nadelbäume finden sich große Laubwälder in den Steilhängen und in tiefer liegenden Ortschaften erinnert eine Flora mit Magnolien, Palmen oder Mimosen eher an die Adria als an eine Alpenregion. Seit 2007 besuche ich mindestens einmal im Jahr diesen ganz besonderen Landtupfen, vorzugsweise die steilen, wildromantischen Täler des Tessins, die sich weit in die Berglandschaft hineinschneiden. Täler mit klangvolle Namen wie Bavona-, Maggia- oder Verzascatal, laden zum Fotografieren ein. Liebliche Steinhäuser, wilde Schluchten, dichte Wälder und smaragdgrüne Flüsse warten geduldig, abgelichtet zu werden.

Ein Wasserfall in der Verzasca. Ein Fluss, der sich durch eine atemberaubende Landschaft windet.
Ein Wasserfall in der Verzasca. Ein Fluss, der sich durch eine atemberaubende Landschaft windet.

Die Verzasca – Steine und Wasser

Bei Gordola liegt der Eingang des Verzascatals. Vorbei an der großen Staumauer, gleich zu Beginn des Verzascatals, taucht man ein in eine Bilderbuchlandschaft. Smaragdgrün schießt das Flusswasser der Verzasca talwärts in den Lago Maggiore. Mit unzähligen Wasserfällen und üppigen Kastanienwäldern, zählt dieses Flusstal zu den faszinierendsten des gesamten Alpenraums. Empfehlen kann ich den „Sentierone“, einen lohnenden Wanderweg, der von Tenero oder Locarno aus durch das ganze Verzascatal bis nach Sonogno führt. Wer bei bedecktem Himmel oder gar Nieselregen den Pfad durchwandert, kann von Glück reden und den ganzen Tag über fotografieren. Schwierig dagegen wäre es bei Sonnenschein mit blauem Himmel, denn im steilen Tal kann ein Grauverlaufsfilter kaum verwendet werden. Zudem kontrastieren die dunklen, dicht bewaldeten Hänge enorm mit dem hellen Himmel, was eine Kamera schnell überfordert. Im Schatten oder zur blauen Stunde gelingen jedoch stimmungsvolle Bilder. Über alte Steinbrücken und Stege führt der Wanderweg zu Fotospots wie kleineren Wasserfällen oder abgeschliffenen Felsbrocken. Im stillen Laubwald finden sich weitere, unzählige Fotomöglichkeiten, egal ob ein Makro-, Tele-, oder Weitwinkelobjektiv verwendet wird. Vermoost liegen umgestürzte Bäume in den frischen Seitenbächen, die die Verzasca speisen. Buntes Laub verschönert die Szenerie im Herbst. Das kreative Arbeiten kann beginnen; Detailsuche ist angesagt! Ein lohnendes Ziel ist der schluchtenartige Flussabschnitt bei Lavertezzo. Die Verzasca zwängt sich hier zwischen überdimensionierten Felsen. Ein Blick zur alten Steinbrücke verzaubert den Moment in eine Märchenwelt.
Immer wieder kommt man zu malerischen, alten Steinhäusern, die sich mancherorts zu Weilern oder kleinen Ortschaften verdichten. Hier finden sich noch die Spuren vom harten Leben seiner einstigen Bewohner, die der Abgeschiedenheit trotzten.
Wer mehr Zeit hat, und die sollte man für das Tessin einplanen, kann in romantischen Rusticos übernachten und die Fotowanderung am Tag darauf fortsetzen.

Hier seht ihr die Verzasca im Kanton Tessin in der Schweiz
Die “Wilde Verzasca”. Hier werden Landschaftsfotografien komponiert.

Das Maggiatal – das wilde Tal

Das Maggiatal als eine Wildnis zu bezeichnen, wäre übertrieben. Der Begriff „wildnisnahe Landschaft“ ist da schon passender. Immerhin leben im Tal Gämse, Murmeltiere, Adler und Wölfe. Letztere wurden neben dem Maggiatal ebenso in anderen Gebieten des Tessins gesichtet und vereinzelt auch gefilmt. Seit gut 25 Jahren erobert sich der Wolf die Alpen zurück. Was Naturfotografen oder Naturliebhaber freut, kann manch einen Bauern zum Verzweifeln bringen, denn hin und wieder kommt es zu Wolfsrissen bei Schafen oder Ziegen. Vorbildhaft finde ich, dass die Schweiz das Zusammenleben von Raubtieren und Nutztieren fördert. So wird der Herdenschutz z. B. durch Kauf, Ausbildung und Unterhalt von Schutzhunden unterstützt. Hirten werden ausgebildet und entlohnt, die Zaun-Infrastruktur überarbeitet. Vor allem kommen Schutzhunde der Rassen Berger des Pyrénées, Maremmano oder Osteuropäische Hirtenhunde zum Einsatz. Wölfen sowie auch Luchsen bleibt somit keine andere Wahl, als auf Wild auszuweichen. Spannungen mit den Bauern werden dadurch entschärft. Wer sich für dieses Thema interessiert, findet unter folgenden Websites Informationen:
www.hirtenhunde-schweiz.ch
www.maremanno.ch

Im Bavonatal, bevor es sich mit dem Maggiatal zusammenschließt.

Die Landschaft
Zahlreiche Gegensätze finden sich im Maggiatal, der größten Flusslandschaft des Tessins. Dem mediterranen Lago Maggiore, in den der glasklare Fluss mündet, steht eine dramatische Hochgebirgslandschaft gegenüber. 50 Kilometer nördlich des Sees verzweigt sich das Maggiatal in mehrere Seitentäler, die nur teilweise bewohnt sind. Das Klima wird rauer, die Täler werden enger. In den Bergen des alpinen Nordtessins mit ihren über 50 Seen sitzen Gletscher wie der Basòdino, der die junge Maggia speist.
Artenvielfalt prägt das Tal. Rund ein Viertel der gesamten schweizerischen Flora ist im Maggiatal anzutreffen. An die 600 Pflanzen sind alleine im Schwemmlandgebiet gezählt worden, darunter mehrere äußerst seltene. Der Flussabschnitt zwischen Riveo und Giumaglio ist in die Liste der neun international bedeutenden Schwemmlandschaften der Schweiz aufgenommen worden.
Spannend wird es nahe des beliebten Klettergebiets Ponte Brolla, wo sich ein Wasserfall in eine tief eingeschnittene Granitschlucht ergießt. Unterhalb von Ponte Brolla befindet sich ein Tauchplatz, bei dem das durchsichtige Wasser der Maggia zum Flusstauchen einlädt. Hier ist Erfahrung erforderlich, denn das kalte Wasser und die mitunter starke Strömung können lebensgefährlich sein. Bei Cevio führt ein Seitental bis nach Bosco Gurin, dem einzigen Walserort im Tessin. Es liegt auf 1506 Metern und es ist der einzige Ort in der italienischen Schweiz wo seit über 600 Jahren ein deutscher Walserdialekt gesprochen wird. Bei Cavergno teilt sich das Maggiatal. In Richtung Westen erstreckt sich das idyllische Bavonatal, mein Lieblingstal im Tessin.


Das Bavonatal

Bei Foroglio im Tessin.
Nebelschwaden beim Wasserfall Foroglio im Bavonatal.

Steinbrocken voll Moos und von beachtlicher Größe, senkrechte Felswände, und eine Kulturlandschaft, die ihres Gleichen sucht. Kilometerweit Trockenmauern mit vielen Spalten und Löchern, ideal für kleine Lebewesen, um Nahrung und Schutz zu finden. Alte Weiler ohne Strom, gebaut aus Granit und Gneis. Urige Steinhäuser und Schuppen erzählen von der alten bäuerlichen Alpkultur. Über dicke Baumwurzeln schlängelt sich der Weg um häusergroße Granitblöcke. Letztere sind Zeugen von unermesslichen Felsstürzen der Vergangenheit. An Fotomotiven gibt es keinen Mangel!
In Broschüren über das Tessin liest man, das Bavonatal sei das steilste und steinigste Tal der gesamten Alpen. Der Anblick der dortigen Szenerie bestätigt diese Aussage. Wie nahezu in der gesamten italienischen Schweiz dominiert auch hier der Laubwald, der im Herbst das Bavonatal mit Farben verschönert.
Der donnernde Wasserfall bei Foroglio, der mit einer Höhe von über 100 Metern zu den gewaltigsten der Südschweiz zählt, ist ein Muss für jeden Naturfotografen. Wasser, Wasser, Wasser möchte fotografiert werden: Egal ob nasse Steine vor der Kaskade, vorgelagerte Pools mit Herbstlaub oder Nebelschwaden, die sich von den Wassermassen waagrecht entfernen.
Wer nur ein paar Tage für eine Foto-Tour Zeit hat und keine anstrengenden Trekks unternehmen, sondern entlang einfacher, gut ausgebauter Pfade fotografieren möchte, dem kann ich das Tessin mit seinem südlichen Flair wärmsten empfehlen. Naturfotografie lässt sich hier ideal mit Genuss vereinen. Tagsüber zählt die Motivsuche, am Abend frönt man wohlschmeckender Kost in den typischen Grottos, den rustikalen Restaurants des Tessins.

Der Wasserfall von Foroglio im Bavonatal

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2 Comments

    • Hallo Eli,

      vielen Dank für Dein Feedback. Ja, das Tessin ist wirklich schön. Das wäre ja eine ideale Wahlheimat für die Pension – oder? Viele Grüße, Markus

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Sorry. Das sind Texte und Bilder von Markus Thek. Danke. markusthek.com ©